Wie belebt man tote und ausgestorbene Sprachen wieder? Interview mit Ghil’ad Zuckermann

Dieses Mal im Interview ist Professor Ghil’ad Zuckermann. Er ist ebenfalls Polyglot, ursprünglich aus Israel und lebt jetzt in Adelaide in Australien. An der University of Adelaide ist er Professor für Linguistik und bedrohte Sprachen.

Er hilft australischen Ureinwohnern (Aboriginal Australians) ihre Herkunftssprache wieder zu erlernen.

Außerdem lehrt er den kostenlosen Online-KursLanguage Revival: Securing the Future of Endangered Languages” (Wiederbelebung von Sprachen: Die Zukunft von bedrohten Sprachen sichern). Dieser hatte bereits über 10.000 Teilnehmer aus über 160 Ländern.

Im Interview sprechen wir über folgende Themen:

  • Was sind bedrohte bzw. tote Sprachen?
  • Wie kann man solche Sprachen wiederbeleben?
  • Was sind die Parallelen zum künstlichen modernen Hebräisch (Ivrit)
  • Warum sollte man überhaupt eine Sprache wiederbeleben?

Hier findest Du das Video unseres Interviews auf Englisch, darunter findest Du eine Zusammenfassung auf Deutsch:

Hier ist noch der Vortrag von Prof. Zuckermann zum selben Thema bei der Polyglot Conference:

Prof. Zuckermann hilft dabei die Sprache Barngarla wiederzubeleben, hier ist sein Interview mit einem Sprecher dieser Sprache:

Zusammenfassung Interview mit Ghil’ad Zuckermann

Die Wiederbelebung einer Sprache kann eingeborenen Personen und Gruppen helfen, sich mit ihrer Herkunft und Vergangenheit zu verbinden.

In Australien existieren rund 330 ursprüngliche Sprachen, und etwa 660.000 eingeborene Sprecher. Damit kommen auf eine einheimische Sprache nur rund 2000 Sprecher.

96% dieser einheimischen Sprachen sind sogenannte „Dreaming Beauties“. Das bedeutet, dass nur 4% der Sprachen aktiv benutzt werden, während der Rest entweder außer Gebrauch steht, oder sich kurz davor befindet.

Es gibt 3 Stadien von nicht aktiv benutzten Sprachen:

  1. Die Reklamation: Hierbei gibt es keine Muttersprachler oder fließende Sprecher der Sprache. Ein Beispiel hierfür ist die australische Sprache Barngarla.
  2. Die Revitalisierung: Die Sprache ist stark inaktiv, wird aber von den Ältesten gewisser Gruppen vereinzelt gesprochen. In diese Kategorie fällt unter anderem Maori.
  3. Die Wiederbelebung: Es gibt zahlreiche Sprecher, die die Sprache beherrschen. Dennoch gilt die Sprache als bedroht, wie zum Beispiel Walisisch.

Bei jedem Versuch zur Reklamation (d.h. Wiedererwecken) einer inaktiven Sprache, sollte man sich bewusst sein, dass das Resultat sehr wahrscheinlich nicht der Originalsprache entsprechen wird. Die genaue Art der Sprache ist von vielen Faktoren abhängig, wie der damaligen Denkweise und dem Kommunikationsstil.

Dabei ist es wichtig sich nicht stur auf eine „pure“ Form der entsprechenden Sprache zu konzentrieren, sondern die einhergehenden Veränderungen akzeptieren. Jede Reklamation einer Sprache endet also als eine Art Sprach-Hybrid, und das ist in Ordnung so.

Ein gänzlich puristischer Zugang zur Sprache ist auch für deren Erlernen hinderlich. Eine Sprache kann uns nicht in ihrer „korrektesten Form injiziert“ werden. Vielmehr sollten die Abänderungen und Freiheiten der Reklamation begrüßt werden. So können auch fehlende Wörter einer alten Sprache ergänzt werden.

Zum Beispiel Barngarla: Hier haben Linguisten wie Prof. Zuckermann daran gearbeitet, neue Begriffe in die alte Sprache zu inkorporieren, indem sie aus Basiswörtern aufgebaut haben. So bedeutet der Begriff „Computer“ Wort für Wort übersetzt „elektronisches Ei im Kopf“ („elektronisches Hirn“) und „Beanie“ bedeutet „angenehme/warme Mütze“.

Bis heute hat Barngarla keine Muttersprachler, aber Prof. Zuckermann und andere Experten arbeiten daran, die Wiedererweckung der Sprache voranzutreiben und das zu ändern.

Je glücklicher einzelne Personen und Gruppen mit ihrer Herkunft sind, desto mehr wird die Harmonie in der gesamten Gesellschaft gestärkt. Dieser Effekt wird durch die Erlernung von Herkunftssprachen gestärkt. So können klein scheinende Ansätze durchaus große Effekte mit sich bringen.

Die Wiedererweckung einer eingeborenen Sprache dient nicht nur zum Erhalt der Sprache an sich, sondern dem Wohlbefinden und der kulturellen Identität ihrer Sprecher. Das Leben von Leuten, die sich mit ihrer Sprache verbinden möchten, kann somit verbessert werden. Deswegen ist das Erhalten und Wiedererwecken von eingeborenen Sprachen so bedeutend.

Über den Autor

Gabriel Gelman ist Gründer von Sprachheld, Sprachenthusiast und nutzt gerne seine 6 Sprachen für Reisen und Kennenlernen neuer Leute. Er hilft Sprachlernern dabei schnell ihre Fremdsprache zu lernen.

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