Testbericht LingQ: Gutes Hörverständnis in Fremdsprachen aufbauen (ohne Grammatik & Vokabeln pauken)

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Die Startseite von LingQ

LingQ ist ein Programm /eine App zum Sprachen lernen, entwickelt von dem bekannten Polyglotten Steve Kaufmann. Das Ziel von diesem ist Dein Sprachverständnis durch Hören und paralleles Lesen von Texten zu verbessern. Unbekannte Wörter kannst Du während dem Lesen anklicken und bekommst direkt die Übersetzung geliefert. So lernst Du selbst etwas anspruchsvollere (als Dein eigenes Sprachniveau) Texte recht schnell zu verstehen.

Hier kannst Du LingQ kostenlos ausprobieren. (*)

Es gibt eine große Auswahl an (Hör-)Texten, damit Du nicht mit vorgegebenen und für Dich eventuell uninteressanten Texten lernen musst, sondern sie frei nach Deinen Interessen aussuchen kannst. Du kannst ebenso eigene Texte in Audio- und Textform importieren und dann diese verwenden.

Ich habe LingQ für Polnisch ausprobiert. Eine Sprache, die meiner zweiten Muttersprache Russisch, sehr ähnlich ist. In solche Fällen eignet sich LingQ besonders gut (es funktioniert aber natürlich auch für Sprachen, die Deiner eigenen etwas ferner sind). Ich konnte so auf vergleichsweise hohem Niveau einsteigen und verstand bereits einiges.

Anmerkung: Steve Kaufmann war auch schon bei uns im Interview – hier kannst Du es Dir anschauen, um mehr über seine Sprachenlern-Methode zu erfahren. Er selbst spricht etwa 15 Sprachen und hat viele davon mit LingQ gelernt (mit der Anwendung hatte er sich auch für das Interview mit mir, welches wir auf Deutsch führten, vorbereitet).

Inhaltsverzeichnis:

 

 

Fangen wir zunächst mit der Funktionsweise von LingQ an.

Wie funktioniert LingQ?

Du wählst zunächst Dein Sprachniveau aus und suchst Dir dann zu diesem passende Texte aus der umfangreichen Bibliothek aus, mit welchen Du lernen möchtest.

Du kannst Dir ebenso vorgefertigte Sammlungen aus einer Reihe von Texten, die aufeinander aufbauen, aussuchen. So bekommst Du ein immer besseres Verständnis für das Thema der Sammlung.

Hier sind z. B. die Texte, mit denen ich Polnisch lerne (kann ich nur empfehlen).

Wie funktioniert LingQ?

So sieht eine Sammlung von Texten bei LingQ aus. In diesem Fall ein Podcast zum Polnisch lernen.

Dann startest Du den ersten Text, um ihn gleichzeitig zu lesen und zu hören. Falls Du ein Wort nicht kennen solltest, klickst Du es einfach an. Dadurch wird es Dir noch einmal gesondert vorgelesen und Dir werden mögliche Übersetzungen angezeigt.

Durch das Anklicken des Wortes erstellst Du automatisch einen „LingQ“  (= eine gelernte oder zu lernende Vokabel). Diese kannst Du einerseits mit dem LingQ-Vokabeltrainer üben,  andererseits erhältst Du dafür Punkte in der App.

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So sieht ein Text bei LingQ aus. Blau sind alle neuen Vokabeln. Falls Du ein Wort nicht kennst, klickst Du drauf, es wird für Dich abgespeichert und gelb. Rechts siehst Du eine solcherart gemerkte Vokabel und die  Übersetzung davon.

Am Anfang sind alle Wörter im Text blau. Wenn Dir eine Vokabel unbekannt ist und Du drauf klickst, wird der „LingQ“ erstellt und das Wort wechselt die Farbe zu gelb.

So kannst Du Schritt-für-Schritt einen Text verstehen, in welchem Dir davor Vokabeln gefehlt haben. Du gehst den Text so lange durch, bis Du ihn größtenteils verstehst. Im Anschluss kannst Du einige Übungen zum Text machen oder gehst zum nächsten über.

Die Übungen habe ich immer übersprungen, weil ich lieber meine Zeit dafür nutze, mehr Texte zu verstehen und das aus meiner Sicht die beste Zeitinvestition ist.

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Ein Beispiel für eine Übung bei LingQ – in dieser hörst Du zuerst das Wort und musst es danach schreiben.

Die Idee dahinter ist, dass Du so mit Inhalten, die Dich interessieren, Schritt-für-Schritt Dein Sprach- bzw. Hörverständnis aufbaust. Du kannst Dich langsam zu immer schwereren Texten vorarbeiten und verstehst immer mehr von der Fremdsprache.

Etwas Theorie: Die Comprehensible-Input-Theorie von Stephen Krashen

Warum hat Steve Kaufmann LingQ so aufgebaut, wie es ist? Und warum ist es so effektiv?

Das Lernsystem von LingQ basiert auf der Comprehensible-Input-Theorie des Sprachwissenschaftlers Stephen Krashen. Laut Krashen lernst Du eine Fremdsprache am besten dadurch, dass Du Inhalte aufnimmst (Input), die Du gerade noch so verstehst. Außerdem musst Du sehr viel Input aufnehmen, um die Fremdsprache erfolgreich zu lernen.

Sind die Inhalte zu schwer, verstehst Du nichts und nimmst nichts auf. Sind die Inhalte zu leicht, verstehst Du alles und lernst nichts Neues. Deshalb ist die richtige Auswahl von passenden Texten von entscheidender Wichtigkeit.

Die Texte sollten immer so schwer sein, dass Du den Inhalt gerade noch so verstehst, aber nicht die Bedeutung jedes einzelnen Wortes kennst. So kannst Du Dir den Inhalt aus dem Kontext erschließen und Dein Gehirn hat die optimale Auslastung zum Lernen.

Input solltest Du also möglichst viel haben. Viel, viel hören und lesen. Auf Basis dieser Theorie hat Steve Kaufmann LingQ entwickelt. Es bietet Dir die Möglichkeit Inhalte verschiedener Schwierigkeitsstufen auszuwählen und diese gleichzeitig zu hören und zu lesen.

Zusätzlich lassen sich eigene Inhalte, die Dich interessieren, in das Programm hochladen. Denn mit Inhalten, die Dich interessieren und die relevant für Dich sind, lernst Du eine neue Sprache eben am schnellsten. Das ist mit der LingQ-Browsererweiterung (für Chrome, Safari und Firefox) mit einem Klick sogar mit jedem beliebigen Inhalt aus dem Internet möglich.

Durch die Möglichkeit per Klick Vokabeln nachzuschlagen, lernst Du besonders effizient und zeitsparend, denn Du kannst unbekannte Wörter schnell nachschauen. Im Gegensatz dazu steht ein Buch in der Fremdsprache oder eine Serie mit Untertiteln, bei welchem Du immer wieder im Wörterbuch nachschauen musst. Das kostet einiges an Zeit.

Für wen eignet sich LingQ besonders gut?

Am besten funktioniert LingQ, wenn Du bereits etwas Erfahrung mit dem Sprachen lernen hast und nicht unbedingt ein zu 100% geführtes Programm benötigst. LingQ ist nämlich keinesfalls eine Alternative zu einem Sprachkurs, denn Du musst

  • Dir die Inhalte selbständig aussuchen.
  • festlegen, wie oft Du diese wiederholst.
  • ebenso festlegen, wie schnell Du den Text durchgehst.
  • sowie entscheiden wie viele Vokabeln Du nachschlägst.
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Das ist die Benutzeroberfläche von LingQ. Auf den ersten Blick war mir nicht ganz klar, was ich machen sollte. Ich musste mich erst einmal zurechtfinden.

Im Gegensatz zu anderen Sprachenlern-Apps, musst Du Dir bei LingQ selber die Inhalte aussuchen und mit diesen lernen.

Du kannst zwar auch vorgegebenen Kursen (Guided Courses) folgen, aber trotzdem ist das nicht so einfach, wie bei etwas simpleren Apps zum Sprachen lernen, bei welchen Du vom Programm durch den Kurs geführt wirst.

Mit etwas Übung und Eigeninitiative wirst Du aber sehr schnell durch das Material kommen und Deine Sprachkenntnisse verbessern.

Wenn Du also Deine Fremdsprache lieber schnell lernen und nicht bei jedem Schritt an die Hand genommen werden möchtest, dann wird LingQ das richtige Lernprogramm für Dich sein.

Was sind die Vorteile von LingQ?

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Hier siehst Du die verschiedenen Funktionen von LingQ.

Bei LingQ kannst Du Dir Inhalte aussuchen, die Du auch wirklich interessant findest. Im Gegensatz zum Standard-Lehrbuch, von welchem Dich wahrscheinlich die meisten Inhalte nicht interessieren werden – oder noch schlimmer, überhaupt nicht relevant für Dich sind.

Auf diese Weise macht es nicht nur mehr Spaß zu lernen, sondern Du kannst die Inhalte auch schneller anwenden.

Da Du Vokabeln mit einem Klick nachschauen kannst, geht es auch viel schneller, als wenn Du einfach nur ein Buch liest oder einen Podcast anhörst. Falls Du etwas nicht verstehen solltest, kannst Du per Klick sofort nachschauen.

So verstehst Du die Texte viel schneller und machst rascher Fortschritte. Im Wörterbuch blättern, oder in der Wörterbuch-App rumtippen, sind nun einmal nicht die beste Investition Deiner Zeit.

Du kannst die LingQ-App ganz einfach zwischendurch nutzen. Das Format eignet sich dafür optimal. Du lernst mit 100% Effektivität. Wenn Du eine Fremdsprache lernst, brauchst Du Input und Output.

Das heißt, die vier folgenden Fertigkeiten solltest Du üben:

  • Sprechen (Output – mündlich)
  • Hören (Input – mündlich)
  • Schreiben (Output – schriftlich)
  • Lesen (Input – schriftlich)

Mit LingQ deckst Du zwei dieser Fertigkeiten ab, das Hören und Lesen, also die zwei Input-Fertigkeiten. Und das in der bestmöglichen Kombination, Du bespielst beide Kanäle gleichzeitig.

Eine Fremdsprache lernst Du auch viel unterbewusst. Du kannst noch so viele Grammatikregeln und Vokabeln auswendig kennen, wenn Du sie nicht anwenden kannst, bringt es Dir nichts.

Mit LingQ hast Du hingegen die Möglichkeit Dein Sprachverständnis auf ganz natürliche Weise auszubauen. Du bekommst ein Gefühl für Vokabeln und die richtige Anwendung von Grammatik. Ähnlich wie der natürliche Spracherwerb von Kindern.

Was sind die Nachteile von LingQ?

Was mir bei LingQ nicht so gefällt ist, dass es nicht die Möglichkeit gibt, den Text mit dem Audio zu synchronisieren. So musst Du, wenn Du Dich einmal im Text verlieren solltest, danach immer mühselig die Stelle im Text suchen, an welcher Du Dich gerade befunden hattest.

Einfacher wäre es, wenn der Text mit dem Audio mitlaufen würde (so haben wir es z. B. bei den Dialogen in unserer Sprachheld-Spanischschule – dem Online-Spanischkurs für effektives Spanisch lernen gelöst).

Zudem sind die Übersetzungen manchmal nicht ganz verständlich. D. h. Du musst manchmal etwas überlegen, was der Satz genau bedeuten soll.

Für Polnisch gab es auch nicht so viel gutes Material, was jedoch natürlich der nicht allzu großen Popularität von Polnisch als Lernsprache geschuldet ist. Jeder Nutzer kann Inhalte hochladen, weshalb die populären Sprachen natürlich mehr Inhalte, als die weniger populären, aufweisen.

Die angebotenen Übungen finde ich auch nicht wirklich sinnvoll. Ein paar Buchstaben zusammenzuschieben, um daraus das Wort zu formen, welches ich übersetzen soll, besitzt für mich persönlich keinen allzu großen Mehrwert. Da höre ich mir lieber ein paar mehr Texte an.

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Das Wort wird vorgelesen und Du musst die Übersetzung aus der Liste auswählen. Eine solche Aufgabe halte ich ebenso wenig für eine sinnvolle Aufgabe, um das Wort schneller zu lernen.

Ein weiteres Beispiel für eine typische Übung siehst du in dem Bild oberhalb. Du hörst das Wort, danach musst Du es aus 4 Möglichkeiten auswählen. Für mich persönlich auch nicht wirklich effektiv.

Die LingQ-App für iOS (iPhone) und Android

Du kannst LingQ sowohl auf iOS als auch Android installieren und nutzen. Ich habe die App für iOS ausprobiert und sie funktioniert einwandfrei. Du kannst auch ganz einfach auf unbekannte Vokabeln klicken und so die „LingQs“ erstellen. Sehr angenehm, um unterwegs zu lernen.

Hier sind ein paar Screenshots von der iOS-App:

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Erhältlich ist die LingQ-App für die folgenden 16 Sprachen: Englisch, Französisch, Spanisch, Japanisch, Italienisch, Deutsch, Russisch, Chinesisch, Portugiesisch (brasilianisch + europäisch), Schwedisch, Koreanisch, Niederländisch, Polnisch, Griechisch und Esperanto.

LingQ im Vergleich zu anderen Apps zum Sprachen lernen

LingQ ist aus meiner Sicht eines der besten Programme zum Sprachen lernen. Es lässt dem Anwender sehr viel Kontrolle darüber, was er lernen will. Sie ist auch eine der wenigen, die ich wirklich nutze. Denn meistens benutze ich klassische Lehrbücher, Karteikarten, etc. Bei LingQ ist die Zeitersparnis aber klar ersichtlich gegenüber manuellen Lernunterlagen.

Im Gegensatz zu den sehr spielerischen und stark geführten und spielerischen Sprachenlern-Apps, kannst Du Dir hier die Inhalte selbst aussuchen und auch jeweils zu denjenigen springen, die Du gerade lernen willst. Oder nach Belieben und Geschmack bestimmte Teile wiederholen, ohne Dich zu 100% führen lassen zu müssen, wie bei vielen anderen Apps.

Was kostet LingQ?

Du kannst LingQ kostenlos ausprobieren und einige „LingQs“ aufbauen. Ziemlich schnell kommst Du jedoch an die Grenzen der kostenlosen Version. Eine kostenpflichtige Premium-Mitgliedschaft kostet Dich 10$ pro Monat.

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Hier siehst Du die verschiedenen Preismodelle von LingQ. Ich habe das 10$-Modell ausprobiert.

Für den Funktionsumfang und den Inhaltsreichtum ein aus meiner Sicht mehr als gerechtfertigter Preis. Darüber hinaus wird noch eine Plus-Mitgliedschaft angeboten, die 39$ pro Monat kostet, meines Erachtens nach aber nicht wirklich notwendig ist. Bekommst Du für den Mehrpreis doch „lediglich“ Lern- und Sprachtutorien, welche rein für das Lernen mit der App nicht erforderlich sind.

Hier kannst Du LingQ kostenlos ausprobieren (*).

Fazit: Lohnt sich LingQ?

Aus meiner Sicht ist LingQ eines der besten Sprachtools. Es ist auch eines der wirklich wenigen Lernprogramme, die ich benutze. Ich behalte beim Lernen gerne die Kontrolle über meine Inhalte und meine Lernstrategie. Und das bieten die meisten Programme leider nicht.

Steve Kaufmann, der Erfinder des Programms, ist ein Polyglott. Damit ist er den meisten Entwicklern von Sprachenlern-Apps und -Programmen meilenweit voraus. Ich habe oft das Gefühl, dass deren Entwickler keine Ahnung haben, wie man erfolgreich Fremdsprachen lernt. Deshalb erstellen sie die Programme nur auf Basis der Theorie eine neue Sprache zu lernen.

Oder es sind Anwendungen, die mehr Spielerei sind, als Lernprogramme. Bei denen es nur darum geht, das nächste Level zu erreichen oder eine (viel zu leichte) Aufgabe richtig zu beantworten, um möglichst viele Punkte zu sammeln.

LingQ ist nun ganz klar eine Erfindung, die auf einem persönlichen Problem von Steve Kaufmann basiert (wie lernt man am effektivsten mit Input). Und welches er auf diese Art und Weise gelöst hat. Für sich selbst und eben auch für andere Sprachlerner. Unterstützt wird dies noch durch den Fakt, dass er auch wirklich selbst größtenteils mit LingQ lernt.

Falls Du also selbstverantwortlich lernen kannst und Dir Effektivität wichtig ist, dann ist LingQ genau das richtige Programm für Dich. Vor allem ist der Preis von 10$ pro Monat mehr als gerechtfertigt. Es gibt genügend Inhalte, um die gesamte Sprache damit zu lernen und das zum Bruchteil des Preises eines Sprachkurses.

Anmerkung: Ich habe nicht alle Funktionen  für diesen Testbericht getestet, sondern nur diejenigen, die relevant und sinnvoll für mich waren. Also nur die Kernfunktionen. Ebenfalls habe ich erst einige Erfahrungen mit dem Programm gemacht. Ich werde diesen Testbericht deshalb stetig ausweiten, wenn mir weitere Sachen auffallen oder es Neuerungen gibt.

Hier kannst Du LingQ kostenlos ausprobieren. (*)

Stell also gerne Deine Fragen zu LingQ in den Kommentaren, damit ich die Antworten darauf in diesen Beitrag einfließen lassen kann.

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Über den Autor

Gabriel Gelman ist Gründer von Sprachheld, Sprachenthusiast und nutzt gerne seine 6 Sprachen für Reisen und Kennenlernen neuer Leute. Er hilft Sprachlernern dabei schnell ihre Fremdsprache zu lernen.

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